Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein starben auch in Europa jährlich tausende von Menschen an Krankheiten, die wir heute kaum noch kennen oder für harmlos halten. Dieser medizinische Erfolg verdankt sich weitgehend der Durchimpfung der Bevölkerung. Heute verfügen die meisten Menschen in Deutschland seit ihrer Kindheit über einen Impfschutz, der sie gegen viele gefährliche Infektionskrankheiten schützt. Damit er stabil bleibt, muss er im Erwachsenenalter aufgefrischt werden. Für Ferneisende gelten weitere Impfempfehlungen.
In Deutschland besteht keine generelle Impfpflicht (Stand August 2009). Gesundheitsbehörden und -institutionen sind verpflichtet, als medizinisch sinnvoll erachtete Schutzimpfungen anzubieten. Allerdings können die Gesundheitsbehörden in Gefahrensituationen die Impfung besonderer Personengruppen anordnen.
Welche Schutzimpfungen empfohlen werden, legt die Ständige Impfkommission (STIKO) am Robert-Koch-Institut in Berlin fest. Sie ist ein unabhängiges Gremium, das ehrenamtlich von Kinderärzten, Mikrobiologen und Vertretern der Gesundheitsbehörden auf Länder und Bundesebene besetzt wird. Das Robert-Koch-Institut ist als Bundesinstitut dem Bundesministerium für Gesundheit zugeordnet.
Die STIKO erarbeitet sowohl generelle Impfempfehlungen für Kinder und Erwachsene als auch Spezialempfehlungen, beispielsweise für Fernreisende oder bestimmte Berufsgruppen. Die Empfehlungen werden regelmäßig aktualisiert, so dass auch sehr kurzfristig auf neue Entwicklungen reagiert werden kann. Die Impfungen selbst werden meist von niedergelassenen Ärzten durchgeführt. Auf Gesundheitsämter und Betriebsärzte entfallen rund 15 Prozent aller Impfungen.
Schon 200 vor Christus entwickelten chinesische Ärzte eine Art Impfung, mit der sie ihre Patienten gegen die Pocken immunisieren wollten. Aus den Pockenkrusten von Patienten mit leichtem Krankheitsverlauf rieben sie ein Pulver, das über die Nase eingeatmet wurde. Ein ähnliches Verfahren wurde um 1700 im Osmanischen Reich zur Pockenimpfung eingesetzt. Damit hatte man im Grunde das Prinzip der Impfung mit abgeschwächten Lebendimpfstoffen erfunden. In Europa arbeitete der britische Arzt Edward Jenner um 1800 nach demselben Prinzip.
Noch fehlten aber das mikrobiologische Wissen und die entsprechenden Forschungsmethoden, um den dahinterliegenden Wirkungsmechanismus zu verstehen. Erst um 1900 konnten Forscher wie Louis Pasteur, Paul Ehrlich und Robert Koch den Infektionsmechanismus durch Bakterien und Viren und den der Immunreaktion prinzipiell aufklären. Bis heute wurden und werden auf dieser Basis zahlreiche Impfstoffe entwickelt, die Millionen Menschen die Gesundheit und sogar das Leben gerettet haben.
Der Erfolg von Impfungen basiert auf der Fähigkeit unseres Immunsystems, auch gegen abgeschwächte und damit ungefährliche Krankheitserreger eine Abwehrreaktion zu entwickeln. Dafür wird der Körper über einen längeren Zeitraum mit abgeschwächten oder abgetöteten Krankheitserregern absichtlich infiziert. Je nach Erregertyp wird die Infizierung durch eine Spritze ins Muskelgewebe oder unter die Haut vorgenommen. Für einige Impfstoffe gibt es auch die Möglichkeit, sie über den Mund (oral) oder über die Atmung (nasal) zu verabreichen.
Durch mehrfache Impfungen mit demselben Erregertyp baut das Immunsystem eine stabile Abwehrreaktion auf. Kommt der Körper wieder in Kontakt mit dem Erreger, wird die Infektion entweder vollständig abgewehrt oder sie verläuft deutlich milder als ohne Impfschutz. Ein vollständig abgeschlossener Impfzyklus baut einen zuverlässigen Immunschutz auf, der sehr lange, bei vielen Formen auch lebenslang, hält. Für einige Infektionskrankheiten empfiehlt die STIKO regelmäßige Auffrischungsimpfungen im Erwachsenenalter.
Das Impfverfahren mit Formen des Infektionserregers wird als aktive Immunisierung bezeichnet. Besteht akute Ansteckungsgefahr bei einem Menschen, dessen Immunisierungszustand ungeklärt ist, oder kann kein vollständiger Impfzyklus durchgeführt werden, wird der Betroffene mit den krankheitsspezifischen Antikörpern geimpft. Sie werden aus menschlichem Blut hergestellt. Meist in den Gesäßmuskel gespritzt, bauen sie sofort eine Immunreaktion auf. Sie hält nur wenige Wochen oder Monate an, da die Antikörper wieder abgebaut werden. Unser Immunsystem baut keine eigene Immunkompetenz auf. Die Injektion von Antikörpern wird deswegen passive Immunisierung genannt.
Viele Eltern fragen sich, warum schon ihr Baby geimpft werden soll. Die Antwort ist einfach: Bei Babies befindet sich das Immunsystem in seiner intensivsten Entwicklungsphase. Impfungen ‚trainieren‘ es noch besser. Die Grundimmunisierung wird schnell aufgebaut, denn gerade für Babies und Kleinkinder sind viele Infektionskrankheiten besonders gefährlich. Der sogenannte Nestschutz, die Übertragung der Immunabwehr der Mutter auf das Neugeborene, hält nur wenige Monate und umfasst nicht alle Infektionskrankheiten.
Selbst bei einer scheinbaren harmlosen Kinderkrankheit wie Masern treten in zwanzig bis dreißig Prozent der Fälle schwere Komplikationen wie Durchfall oder Lungenentzündungen auf. In Entwicklungsländern sterben sogar bis zu 25 Prozent der an Masern erkrankten Kinder. Erreger wie Polio-Viren oder Pneumokokken rufen Krankheiten hervor, die zu schweren körperlichen und geistigen Behinderungen führen können.
Die Ständige Impfkommission empfiehlt, bei einem gesunden Baby schon im zweiten Lebensmonat mit dem Impfzyklus für die Grundimmunisierung zu beginnen. Um den Impfling so wenig wie möglich zu belasten, werden meist Kombinationsimpfstoffe eingesetzt. Ihr Wirkungsgrad entspricht dem von Einzelimpfungen, beansprucht aber sehr viel weniger Impftermine.
Im Allgemeinen führt ein Kinderarzt die empfohlenen Impfungen im Rahmen der U-Untersuchungen durch. Aktuell empfiehlt die Ständige Impfkommission folgende Impfungen für Babies, Kleinkinder und auch Erwachsene:
Impfkalender für Säugline, Kleinkinder, Kinder, Jugendliche und Erwachsene
(Basierend auf den Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO), Stand 01.08.2011, Quelle: Epidemiologisches Bulletin 30/2011)
Für eine nachhaltige Immunisierung ist es wichtig, dass Sie die Impfzyklen genau einhalten. Wird ein Impfzyklus unterbrochen und nicht wieder aufgenommen, kann sich kein zuverlässiger Immunschutz aufbauen. Eine gute Gedächtnisstütze stellt der Impfausweis dar. Er wird den Eltern entweder zusammen mit dem Vorsorgeheft bei der Geburt ihres Kindes oder bei der ersten Impfung vom Arzt ausgehändigt. Hier trägt der Arzt alle Impfungen ein.
Bewahren Sie Ihren Impfausweis gut auf! Er hilft dem Arzt zu entscheiden, welche Impfungen wiederholt werden müssen, wenn ein Impfzyklus unterbrochen wurde. Auf der Basis des Impfpasses werden auch die Auffrischungsimpfungen festgelegt. Manche Länder machen die Einreise vom Vorliegen eines Impfausweises abhängig.
Eine Grundimmunisierung hält lang, aber nicht ewig. Deswegen wird auch Erwachsenen empfohlen, Impfungen gegen Tetanus und Diphterie alle zehn Jahre aufzufrischen. Zu einer Auffrischung der Hepatitis B-Impfung wird geraten, wenn Sie zu einer der Risikogruppen gehören. Das sind unter anderem Menschen, die oft Kontakt mit Blut haben, und Reisende, die sich länger in einem Gebiet aufhalten werden, in dem die Krankheit weit verbreitet ist. Ihr Arzt wird Sie entsprechend beraten. Jedoch können die Kosten für Schutzimpfungen anlässlich privater Reisen nicht erstattet werden.
Für Menschen über sechzig empfiehlt die Ständige Impfkommission auch die Impfung gegen die echte Grippe, die Influenza. Sie muss jährlich wiederholt werden, da der Influenza-Virus schnell mutiert, das heißt sich sehr schnell verändert. Die hohe Mutationsrate des Virus ist auch der Grund, warum viele ältere Menschen, die gegen Influenza-Viren geimpft sind, trotzdem erkranken. Die Grippe-Infektion verläuft dann aber meist ohne schwerwiegende Komplikationen wie eine Lungenentzündung. Der ältere Patient muss nicht ins Krankenhaus und erholt sich schneller.
Wie alle medizinisch wirksamen Maßnahmen und Stoffe kann auch eine Impfung unerwünschte Nebenwirkungen haben. Die meisten davon, wie das zeitweise Anschwellen der Impfstelle oder ein Müdigkeitsgefühl, verschwinden schnell wieder. Sie sind ein Hinweis darauf, dass sich im Immunsystem etwas tut. Nach Impfungen mit Lebenderregern entwickeln Impflinge gelegentlich schwache Symptome der Infektionskrankheit, gegen die geimpft wurde. Bekannt sind die ‚Impfmasern‘. Der Verlauf ist meist harmlos. Schwerwiegende Reaktionen wie ein allergischer Schock sind extrem selten.
In Deutschland sind Ärzte verpflichtet, Komplikationen nach Impfungen an das Paul-Ehrlich-Institut zu melden. Das Bundesinstitut ist für die Qualitätskontrolle der Impfstoffe und -verfahren zuständig. Nach dessen Zahlen kommen auf zirka acht Millionen Impfdosen 250 Meldungen von vermutlichen Komplikationen. Im Vergleich zu den Risiken, die durch einen fehlenden Impfschutz entstehen, sollten die Impfrisiken auf keinem Fall überbewertet werden.
Schuluntersuchungen haben ergeben, dass die Durchimpfungsrate in Deutschland hoch ist. Neunzig Prozent aller Eltern stehen der Impfung ihrer Kinder positiv gegenüber. Im Vergleich zu anderen Industrieländern steht Deutschland aber als Land der Impfmuffel da. Vor allem bei typischen Kinderkrankheiten liegt die Impfquote unter achtzig Prozent. Lokale Epidemien, v.a. von Masern, treten in Deutschland sehr viel häufiger auf als in anderen europäischen Ländern. Auch die Zahl der schwer verlaufenden Masern liegt in Deutschland immer noch relativ hoch.
Weil viele Erwachsene schwere Komplikationen durch Kinderkrankheiten nicht mehr aus dem persönlichen Erleben kennen, unterschätzen sie das Risiko für ihre Kinder. Das ist ein paradoxer Erfolg der bisherigen Impfpolitik. Aber Kinderkrankheiten sind nicht harmlos, auch nicht für Erwachsene. Sinkt die Impfquote, steigt das Risiko, dass Infektionskrankheiten ausbrechen. Davon betroffen sind vor allem Personen, die aus medizinischen oder anderen Gründen nicht geimpft werden können. Mit Ihrem individuellen Impfschutz schützen Sie folglich auch andere Menschen.